Anpacken statt einpacken

Ehrenamt. In rund 600 Vereinen engagieren sich Görlitzer. Doch immer mehr Menschen fehlt dafür Zeit und Energie.

Varinia Bernau

Für Markus Stäbler ist die Bibel der Antrieb. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass man ruhig im Sessel sitzen bleibt, wenn man das neue Testament gelesen hat“, sagt der Sozialarbeiter und Vorsitzende des christlichen Jugendvereins „Einer für alle“. Zurzeit entrümpelt und renoviert er gemeinsam mit Strafgefangenen der Justizvollzugsanstalt Görlitz, sowie mit Jugendlichen, die Arbeitsstunden leisten, das ehemalige Haus der Jugend. Das Projekt heißt „Schwitzen statt Sitzen“ und ist Stäblers Art, den biblischen Auftrag von der guten Tat im Alltag zu leben. Im vergangenen Juni hat der Verein das Domizil in der Zittauer Straße gekauft. Bis zum Sommer sollen hier ein Jugendtreff, Wohngemeinschaften und Spielplätze entstehen.

Seit der Gründung des Vereins vor rund fünf Jahren ist die Zahl der Mitglieder bei „Einer für alle e.v.“ stetig gestiegen. 27 ehrenamtliche Mitarbeiter und vier Teilzeitkräfte hat der Verein derzeit. Die meisten sind zwischen 18 und 25 Jahre alt. „Ich bin froh, dass wir noch drei, vier Mitglieder über 40 haben, die wir auch um Rat fragen können“, sagt Stäbler und schmunzelt. Bei vielen der insgesamt rund 600 eingetragenen Vereine in Görlitz drückt der Schuh jedoch an einer anderen Stelle: Die Zahl der Mitglieder ist über die Jahre stabil geblieben. Da Neuzugänge aber seltener geworden sind, klettert der Altersdurchschnitt nach oben und wird zunehmend zum Problem, „Einige unserer Frauen suchen händeringend nach Nachfolgerinnen, wenn sie aus gesundheitlichen Gründen die Leitung einer Gruppe abgeben müssen“, erzählt Christina Hartmann vom demokratischen Frauenbund. Der Altersdurchschnitt der Vereinsmitglieder liegt bei 67 Jahren.

Christina Hartmann erklärt sich die Situation mit der Abwanderung junger Menschen, der Umständen der Zeit. „Die jungen Leute haben den Kopf voll mit eigenen Problemen“, vermutet sie. In der Beratungsstelle des Vereins erlebe sie, wie die jungen Frauen ihre Sorge um den Arbeitsplatz mit in die Freizeit tragen.

Nicht um Willen zum Engagement fehle es, zeigt sich Franz Schulz vom Siedlerverein überzeugt, sondern an Kraft und Zeit. Viele Mitarbeiter seines Vereins haben eine Anstellung in der Ferne gefunden und pendeln nach Görlitz. „Wenn jemand am Freitagabend nach Hause kommt und am Sonntagnachmittag wieder losfährt, kann er bei der Vereinsarbeit natürlich nicht mehr mit anpacken“, sagt der Vereinsvorsitzende.

Jugendliche engagiert dabei

Auch von den rund 100 Kindern und Jugendlichen, die sich in der Görlitz und Umgebung beim Jugend-Rot-Kreuz engagieren, lassen mehr und mehr nach dem Schulabschluss ihre Heimat und die Vereinsarbeit zurück. Der DRK-Kreisverband nutzt seine sieben Jugendgruppen gezielt, um den Nachwuchs für Sanitätsdienst und Katastrophenschutz zu sichern. „Bei uns erleben die Jugendlichen, dass sie etwas bewegen können. Und sie bekommen unmittelbar Feedback und Anerkennung“, sagt Andre Maywald, Geschäftsführer des DRK-Kreisverbandes Görlitz. Gerade dies sei seiner Einschätzung nach Grund für den Einsatz junger Menschen beim DRK und auch für einen zuversichtlichen Blick in die Zukunft.

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Linkes Bild: Immer wieder dienstags stricken Sigrid Pohl (rechts) und Ute König in den Räumen des Demokratischen Frauenbundes auf der Kunnerwitzer Straße. Gerade sind sie dabei, Socken für die Enkel zu stricken. Von 13 bis 16 Uhr geht es hier bei bis zu 26 Teilnehmern recht unterhaltsam zu, allerdings sind gestern viele aufgrund der Kälte und Glätte zu Hause geblieben. Der Demokratische Frauenbund ist einer von rund 600 eingetragenen Vereinen in Görlitz. Foto: Nikolai Schmidt

Rechtes Bild: Junge Menschen aus Görlitz und Umgebung packen mit an beim Baueinsatz des Vereins "Einer für alle" in der Zittauer Straße. Foto: Verein

Sächsische Zeitung, 25. Januar 2006, S. 13