Der ersehnte Ernst des Lebens

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Seit Sommer 2011 verfolgt die SZ die Wege von drei Görlitzer Jugendlichen. Sie hatten eines gemeinsam: keinen Schulabschluss. Einer lernt jetzt einen Beruf. Von Frank Seibel

Dreiviertel fünf ist ganz schön früh. Und sechs Uhr abends ist ganz schön spät. „Man ist den ganzen Tag auf den Beinen. Aber, mein Gott, das ist okay“, sagt Michel Blüthgen. Dafür verdient er jetzt sein eigenes Geld und ist auf dem Weg, ein ziemlich normales Leben zu führen. Das wäre alles nicht der Rede wert, wenn Michel Blüthgen nicht einen ziemlich schwierigen Start ins Leben gehabt hätte und er beinahe aus der Bahn geflogen wäre: Im ersten Lebensjahrzehnt viele Umzüge, weil die Eltern immer den Arbeitsort wechselten; der Start ins Schulleben zerhackt, kaum Zeit für Freundschaften – und dann wanderten die Eltern aus, um in Amerika ihr Glück zu suchen. Michel und seine Schwester ließen sie zurück.

Lebensläufe, die so beginnen, geraten oft aus den Fugen. Das ist fast logisch, aber nicht unausweichlich. Michel Blüthgen hat die nötige Mischung aus Lebensfreude, Mut und Disziplin, dass er in den vergangenen eineinhalb Jahren die Kurve gekriegt hat.

Seit dem Sommer hat er den Hauptschulabschluss in der Tasche. Das war seine letzte Chance, sagte der 23-Jährige zuvor. Und er hat sie genutzt. Jetzt verlässt er jeden Morgen um dreiviertel sechs seine kleine Wohnung in der Görlitzer Innenstadt, um den Zug um 6.06 nach Bautzen zu bekommen. Hier hat er im September eine Ausbildung beim Berufsbildungswerk (BfW) begonnen. Innerhalb von zwei Jahren wird er an dieser Berufsschule zum Anlagenführer ausgebildet. „Das ist interessant“, sagt Michel Blütghen – sogar acht Stunden lang. Eine Umstellung war das nach etlichen unsteten Jahren, klar. Aber wenn er abends um sechs wieder nach Hause kommt, ist er nicht nur ziemlich geschafft, sondern auch zufrieden.

Um eine Chance zu nutzen, muss es aber auch jemanden geben, der einem eine Chance gibt. Die letzte Chance gab es für Michel Blüthgen auf dem Lebenshof im Görlitzer Ortsteil Ludwigsdorf. Michel bildete mit einem Dutzend anderer junger Leute die erste Klasse der 2011 neu eingerichteten „Produktionsschule“. Der Lebenshof-Verein hat Lehrer engagiert, um etwa die Hälfte der arbeitslosen Jugendlichen, die täglich auf den ehemaligen Bauernhof kommen, einen Hauptschul-Abschluss anbieten zu können.

Rettendes Vertrauen

Der Lebenshof hat Michel gut getan. „Ich habe gespürt, dass da Leute sind, die mir vertrauen und etwas zutrauen.“ Das hat er bei seinen Ausbildern erlebt, aber auch bei seinen Mitschülern. Michel wurde Klassensprecher und in manchen Situationen auch so etwas wie ein Ratgeber für die Lehrer. Das ist er auch jetzt noch manchmal, wenn er einen seiner ehemaligen Lehrer im Zug trifft. In dem einen Jahr auf dem Lebenshof hat er aber auch gelernt, anderen zuzuhören und ihre Meinung ernstzunehmen. „Vorher hatte ich schon eine ziemlich große Klappe und dachte, ich wüsste alles besser.“

Mittlerweile hat Michel gelernt, dicke Bretter zu bohren – und stundenlang Metallstücke zu feilen. Das war ein bisschen öde in den ersten Wochen. Aber er hält durch und freut sich, jeden Tag mehr zu lernen über die Maschinen, mit denen man Bauteile für Maschinen fräsen und drehen kann. Denn das steckt hinter dem Begriff vom „Anlagenführer“.

Ein anderer junger Mann aus Michels Lebenshof-Klasse geht keinen ganz so geraden Weg – aber anders als vor eineinhalb Jahren hat er realistische und vernünftig scheinende Ziele vor Augen. Enrico Lehmann wollte Söldner werden, als er Mitte vorigen Jahres mit 16 auf den Lebenshof kam. Jetzt soll es immerhin die Bundeswehr sein. Und dass er einen Hauptschulabschluss machen muss, ist „Lehmi“ auch klar. Das sagt er heute zumindest viel deutlicher als noch vor einem halben Jahr. Mittlerweile macht er ein Berufsvorbereitungsjahr am Berufsschulzentrum in Görlitz und will den Schulabschluss im kommenden Sommer schaffen. Das sagt er heute entschlossener als früher, auch wenn manche Betreuer sich noch immer Sorgen machen, weil er seine Faulheit nicht wirklich abgelegt habe. Beim Lebenshof fehlte er zuletzt immer häufiger und ließ das Schuljahr platzen. Im Sommer verließ Enrico Lehmann die Einrichtung ganz. Doch die Arbeitsagentur schickte ihn zu einem neuen Verein: „Einer für alle“. Dort hat ihm der Chef oft ins Gewissen geredet: „Du musst wissen, ob du etwas aus Deinem Leben machen willst.“ Das hat Eindruck gemacht, sagt Lehmi heute. „Ich bin reifer geworden.“

Keine Spur von Sandra

Ab und zu, gibt er zu, kommt er aber auch heute noch zu spät, weil er wieder bis mitten in der Nacht am Computer gespielt hat. „Meist schlafe ich nur drei Stunden in der Nacht.“ Aber so weit, dass er Strafe zahlen musste, sei es noch nicht gekommen. ZU spät kommen und schwänzen kann teuer werden. 50 Euro pro Tag oder sechs Stunden. Das ist okay so, findet Lehmi, denn die Schüler müssten wissen, dass der Unterricht wichtig ist.

Vielleicht sagt er, geht er nach dem Schulabschluss noch nicht sofort zur Bundeswehr. Maurer sei doch ein solider Beruf, findet er. „Maurer braucht man immer.“

Während Lehmi vielleicht noch die Kurve kriegt, ist Sandra, die Dritte im von der SZ begleiteten Trio, verschwunden. Abgemeldet. „Wir haben keinerlei Kontakt mehr“, heißt es beim Lebenshof. Und auch Michel und Lehmi wissen nicht, was Sandra macht und ob es ihr einigermaßen gut geht.

SZ, 18. Dezember 2012, S. 7