Eine christliche Vision eint die Gemeinschaft

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Bildunterschrift: Beim gemeinsamen Mittagessen: Susanne Stäbler mit Emma, Sarah Schwegler mit Mathilde, Rebekka Klein und Esther Droigk (v.l.n.r.).

Foto: SZ/Thomas Fiedler

Familien, ein Ehepaar und Singles unter einem Dach

SZ sucht Beispiele für vorbildliche Nachbarschaft. Im Rahmen eines Wettbewerbs veröffentlichen wir Geschichten über Menschen, denen an einem guten Miteinander liegt. Geldpreise in Höhe von insgesamt 15.000 Euro stehen hierfür zur Verfügung.

Die Klingelleiste weist auf einen Verein und zwei WGs. Familie Stäbler, die Hauptmieter und zugleich Untervermieter sind, wohnen im zweiten Stock. Im dunklen unsanierten Hausflur zaubern Tafeln voller Fotos Fröhlichkeit ins Haus. Kinderwagen und Fahrräder stehen im Eingang. Daran stört sich hier niemand. Die offene Tür zum Hof weist ins Grün und lässt den Blick frei auf Sitzgelegenheiten, einen Sandkasten und Spielzeug. Von den Flurfenstern aus blickt man in den kleinen grünen Hof und einen Park dahinter. Letzterer gehört zur ehemaligen II. Medizinischen Klinik.

Susanne Stäbler (26) öffnet die Tür. Sie hat Emma (1 Jahr alt) auf ihrem Arm. In der großen Küche wirtschaftet Sarah Schwegler. Die junge Frau schneidet Äpfel, will Apfelmus kochen. Der relativ große Kochtopf lässt auf eine ansehnliche Portion schließen. „Die brauchen wir auch“, sagt die Hausherrin. „Denn unsere fünfköpfige Familie sitzt mittags selten allein am Tisch. Freunde und Bekannte, Mieter des Hauses und Gäste beim Mittagessen sind die Regel.“ Sarah hat es aus Stuttgart nach Görlitz verschlagen. „Ich esse immer mit Stäblers“, sagt sie. Stäblers haben Sarah nach Görlitz gelockt. Die junge Frau wollte vor ihrem Studium nur zwei Monate bleiben. Die 19-Jährige ist „hängen geblieben“ bei einem Praktikum im „einer für alle“ –Verein.

Sie lebt in der Vereinszentrale auf der Moltke-Straße 24. Der christliche Verein hat 23 Mitglieder, einige auch außerhalb von Görlitz. Zehn Mitglieder leben in der Wohngemeinschaft. Stäblers haben eine große Drei-Raum-Wohnung, die sie selbst renoviert haben. Vier Mitglieder leben in zwei WGs, in sanierten Zwei-Raum-Wohnungen. Ein junges Paar bewohnt eine Dachwohnung. Im Parterre sind die Vereinsräume und eine Wohnung für Gäste, die nur eine Weile bleiben wollen. Die noch Vereinräume wurden schlicht hergerichtet für den jeweiligen Zweck. Sie bieten wenig Komfort, aber viel Platz, um Ideen zu verwirklichen. Eine kleine Abstellkammer wird als Garderobenraum genutzt. Im Wohnzimmer der einen Wohnung stehen Tisch und Stühle. Hier wird gegessen und geredet. In der Wohnung gegenüber nimmt eine Tischtennisplatte viel Raum ein. Markus (33) und Susanne Stäbler haben zusammen mit Gleichgesinnten den Verein gegründet und leben mit ihren drei Kindern ihre Vision. Der gelernte Tischler und Sozialpädagoge – er arbeitet im Kinderheim Görlitz – und die Kommunikationspsychologin halten ihre Tür für jüngere und ältere Menschen offen.

Nicht nur das Haus, sondern auch die Wohnung ist in den vergangen Jahren für Jugendliche zeitweise zu einem Heim geworden. Eine 17-jährige Mutter hat einige Zeit mit ihrem Kind hier gelebt.

Stäblers konnten das Haus mieten und ihre Vorstellung von guter Nachbarschaft umsetzten. Im Oktober 2000 haben sie den Verein gegründet, vor allem, um jungen Menschen eine Lebensperspektive zu geben. Sie pflegen bewusst Kontakte, freuen sich über Freundschaften. Ihre Basis ist der christliche Glaube, die Mission und praktische Nächstenliebe. Die Verbreitung der Bibel und christlicher Literatur ist ihr und zugleich Anliegen des Vereins. Die Beschäftigung mit der Bibel gehört zum Alltag. „Bei uns hat jeder seine Freiräume. Mitbewohner können für längere Zeit hier wohnen, aber die Gemeinschaft auch wieder verlassen, wenn sie das wollen“, erklärt Susanne Stäbler. Sonnabend werde gemeinsam gefrühstückt. Daran beteilige sich das junge Paar nicht. Mittags werde mal hier mal dort gegessen. Wenn einer einkaufen geht oder etwas zu erledigen hat, fragt er andere, ob er etwas mitbringen oder mitnehmen kann.

Geben und Nehmen ist Alltag in der Gemeinschaft, in der jeder seine Fähigkeiten einbringen kann. Nicht nur für die Kinder, die im Haus leben ist immer einer da, sondern auch für Jugendliche, die an den Veranstaltungen des Vereins teilnehmen.

Infos zum Verein: www.efa-goerlitz.de

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Sächsische Zeitung, 15. September 2004, S. 15 im Rahmen des Wettbewerbs "Gute Nachbarschaft"