Kumpel und Erzieher zugleich

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Der Staat will verstärkt Sozialarbeiter an Schulen im Kreis einsetzen. Heiner Seibt ich schon da. An der Förderschule in Görlitz ist er der Jungenversteher.

So einer wie Heiner Seibt muss dem Freistaat vorschweben. Drei-Tage-Bart, T-Shirt, Jeans, auf den ersten Blick ein sympathischer Kumpeltyp. So geht der 29-Jährige täglich ins Görlitzer Förderschulzentrum in Königshufen. Dort arbeitet der studierte Heil- und Behindertenpädagoge als Schulsozialarbeiter. Von dieser Spezi gibt es im Moment nicht mehr viele im Landkreis. Doch das soll sich ändern. Der Freistaat gibt dem Landkreis eine Million Euro, damit bis zu 18 zusätzliche Stellen an den Schulen eingerichtet werden. Denn mittlerweile sieht die Politik in den Schulsozialarbeitern einen Schlüssel, um Kinder aufzufangen, die aus der Bahn zu drohen fallen.

Heiner Seibt hat seit einem Jahr damit täglich zu tun. Weil die Probleme an der Förderschule besonders sind, verständigen sich der Landkreis und die Stadt, seine Stellen gemeinsam zu finanzieren, der Görlitzer Verein „Einer für alle“ übernahm anschließend die Aufgabe. Doch weder sind die Probleme, die Seibt beschreibt, nur auf die Förderschule begrenzt noch auf Kinder aus sozial bedürftigen Familien. Es geht um Konfliktabbau, Regeln einhalten, Gewaltverzicht, um soziale Kompetenz und gesellschaftliche Integration, wie es im manchmal schwer verständlichen Fachchinesisch der Sozialwissenschaften heißt.

Im Alltag kann sich das schon mal ganz handfest ausdrücken. So rauft sich Heiner Seibt mit seinen Schülern, sie spritzen sich bei größter Hitze gegenseitig mit Wasserpistolen voll, bolzen hemmungslos mit dem Ball herum oder fahren Kartauto in Löbau. „Aber es läuft immer nach Regeln ab, wer sich nicht dranhält, kann nicht mitmachen“, sagt er. Viele Kinder, gerade die Jungen, brauchen diese Momente, in denen sie ihre Körperkräfte ausprobieren können. Und viele finden diese Möglichkeiten nicht mehr zu Hause. Deshalb sieht Seibt Schulsozialarbeiter als wichtig an. „Es ist gut, wenn frühzeitig die Kinder motiviert, Probleme erkannt und gelöst werden.“

Mittlerweile hat das auch die Politik erkannt und handelt. Der Landkreis ist ausgesucht worden, um ein sachsenweites Modellprojekt zwei Jahre lang zu testen. „Mehr Sozialarbeiter an die Schulen“ heißt das Programm. Die Hoffnung: Dadurch soll es gelingen, möglichst kein Kind ins Hartz-IV-System abrutschen zu lassen. Denn „wenn man in dem System erst einmal drin ist, ist es schwer, da wieder rauszukommen“, sagt Jobcenter-Chef Eberhard Nagel. Und Schulen sind dabei aus zwei Gründen der naheliegendste Ansatzpunkt: „Zum einen erreichen wir die Kinder dort am besten“, wie der Görlitzer Bürgermeister Michael Wieler sagt. Zum anderen sollen die Lehrer von Sozialarbeit entlastet werden, für die sie eigentlich nicht da sind, wie die Bundestagsabgeordneter Michael Kretschmer erklärt. „Es ist richtig dort anzusetzen, denn die Schulen sind zum Reparaturbetrieb der Gesellschaft geworden.“

Allerdings: Neu ist das Ganze nun wiederum auch nicht. Das kann auch Uwe Radeck bestätigen. Der Diplom-Sozialarbeiter war zehn Jahre lang Schulsozialarbeiter an einer Mittelschule in Löbau, einer von zwei im Landkreis Löbau-Zittau. Dann kürzte der Kreis die Mittel, und 2005 war Schluss. „Uns wurde damals erklärt, dass es keinen politischen Willen mehr für Sozialarbeit gibt“, erinnert sich Radeck heute. Das scheint nun wiederum anders zu sein. Aber auch damals schon ging es um Berufsorientierung, vorsorge vor Gewalt, Sucht und Drogen sowie Sexualaufklärung. Alles Themen, die junge Menschen beim Aufwachsen interessieren. „Im Grunde ist es genau das, was jetzt auch wieder gemacht werden soll“, sagt Radeck, der heute als Schulcouch an derselben Löbauer Mittelschule wie früher tätig ist. Als Couch knüpft er Verbindungen zu anderen Einrichtungen, berät die Schule für die künftige Entwicklung, steht Lehrern, Eltern und Schülern hilfreich zur Seite. Auch das ein sachsenweites Modellprojekt, das von Leipzig ausging und jetzt in Löbau sowie am Gymnasium und einer Mittelschule in Niesky eine Rolle spielt. Bis Ende 2013 wird es dieser Tage verlängert.

Dass das neue Projekt einhellig begrüßt wird, verwundern also nicht. Der Chef des Regionalschulamtes Bautzen, Frank Dörfer, hofft auf einen besseren Übergang der Kinder von der Schule zur Berufsausbildung, die Sozialbeigeordnete des Landkreises, Martina Weber, will damit die soziale Kompetenz der Kinder erhöhen und der Görlitzer Bürgermeister Michael Wieler hofft, dass die neuen Fachkräfte auch in die Gesellschaft wirken und so andere zur Mitarbeit anstoßen.

Heiner Seibt erntet derweil die ersten Früchte seiner Arbeit. Musste er anfangs Kontakte knüpfen, Hürden überwinden, so kommen jetzt die Schüler zu ihm, berichten von ihren Nöten und Zweifeln. Seibt ist für sie da und hat ein offenes Ohr. Weil er eben kein Lehrer, kein Aufpasser ist, findet er einen anderen Zugang zu den Schülern. Eher eben ein Kumpel, auch wenn diese Bezeichnung eigentlich nicht so richtig trifft. Irgendwo zwischen diesen Polen, findet er sich selbst. Ob seine Arbeit Erfolg hat? Diese Frage zu beantworten, tut sich der Sozialarbeiter schwer. Stattdessen sagt er; „Wenn zu mir ein Junge kommt und sagt, am liebsten würde ich dem anderen eine runterhauen, aber ich tue es nicht, dann können wir gemeinsam stolz sein. Das ist doch ein Erfolg.“

Sächsische Zeitung, 19. Januar 2012, S. 15.