Volltreffer für die Jugend

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Bildunterschrift: Nach langem Dornröschenschlaf plant jetzt mal wieder ein Verein, das Schützenhaus zu beleben. Foto: SZ/Thomas Fiedler

Weinberg. Vor 125 Jahren weihte die Schützengilde ihr neues Schützenhaus an der Zittauer Straße ein.

Ingo Kramer

„Stehe fest auf eignem Grund Neues Haus und alter Bund! Eignes Haus auf eignem Plan Treu und Freundschaft hats gethan Neues Haus wirst neues Leben Unserm alten Bunde geben!“

Mit diesen Worten und den ersten drei Hammerschlägen legte der damalige Direktor der Görlitzer Schützengilde, Gustav Tschiersky, im April 1880 den Grundstein für die neue Schießhalle an der Zittauer Straße. Schon im Jahr darauf konnte die Gilde nach umfangreichen Baumaßnahmen vom 15. bis 17. Mai 1881 die Einweihung des neuen Schützenhauses mit einem Wettkampf feiern.

Das Gebäude selbst ist bereits 1845/46 von einem Rittmeister namens Graf von Pückler erbaut worden. 1878 wurde darin die Gastwirtschaft „Bellevue“ eingerichtet. Kurz darauf erwarb es die im Jahr 1377 gegründete Schützengilde.

Für diese war der Umzug nötig geworden, weil ihr die Nutzung des bisherigen Schießstandes am Neißeufer untersagt worden war. Durch den immer reger werdendenden Verkehr auf der Neißebrücke und in deren Umgebung war der Schießstand zur Gefahr für die Öffentlichkeit geworden. So erhielt die Gilde eine Entschädigungssumme, von der sie den neuen Schießstand bezahlen konnte.

Seither erlebte das Gemäuer an der Zittauer Straße eine wechselvolle Geschichte. Die Schützengilde nutzte das Haus mit seinen weiten Außenanlagen bis zur ihrer vorläufigen Auflösung im Jahr 1945. Nicht nur Wettkämpfe, sondern auch zahlreiche Versammlungen und Feiern fanden hier statt. Außerdem wurde um 1890 eine Fahrradausleihstation in Betrieb genommen.

Jubelfest im Jahr 1927

In Vorbereitung des 25. Provinzial-Bundesschießens mussten 1913/14 umfangreiche Veränderungen der Anlage vorgenommen werden. Dabei wurde das vorhandene Gebäude vollkommen umgestaltet. Die Baukosten betrugen 35 000 Mark. Danach entsprach die gesamte Schießstandanlage den damals modernsten Forderungen der Schießtechnik. Einen weiteren Höhepunkt bildete das Jubelfest zum 550-jährigen Bestehen der Gilde im Jahr 1927. Dieses Ereignis wurde mit einer „Oberlausitzer Festwoche“ ausgiebig gefeiert.

Nach einem neuerlichen Umbau übernahm 1936 Herrmann Rich das Schützenhaus. Er machte es – wie schon um 1900 der langjährige Pächter Carl F. Gärtner – zum Anziehungspunkt für Ausflügler und Familien. Der kleine Saal war beliebt für Hochzeiten und Jubiläen. Der große Saal bot durch seine Bühne Gelegenheit für Tanzveranstaltungen mit einem kleinen Orchester und für Aufführungen von Heimatstücken. Im Garten existierten in dieser Zeit Musikpavillon, Tanzfläche, Springbrunnen, Karussell, Schaukeln und Stände mit Eis, Kaffee, Kuchen und Bier. Auch Jahrmärkte und natürlich zahlreiche Schützenfeste wurden im Außengelände abgehalten.

Während des zweiten Weltkrieges wurden die Tanzveranstaltungen verboten und der große Saal mit französischen Zwangsarbeitern, die bei der Straßenbahn arbeiteten, belegt. Nach dem Krieg und dem Verbot des Schützenvereins wurde das Haus erneut umgebaut. So erfolgte 1952 die Aufstockung. Die runden Fensterbögen verschwanden und die Fassade erhielt ihre heutige schlichte Gestalt.

Fortan wurde das Gebäude als Kulturhaus für politische und gesellschaftliche Veranstaltungen genutzt. Es erhielt den Namen „Haus der Jugend“, und die Jugend eroberte es vor allem als Tanzgaststätte, die sie schlicht „Schuppen“ nannte. Der Saal wurde von der Tanzschule Ullrich genutzt, außerdem fanden hier Schulabschlussfeiern, Ausstellungen, Messen und Bälle statt. Im ersten Stock befanden sich Klubräume und ab Ende der 1950er Jahre auch eine der ersten Görlitzer Fernsehstuben für all jene Bürger, die noch über keinen eigenen Fernseher verfügten.

Hinter dem Gebäude fand der Görlitzer Jahr für Jahr die drei großen Zirkusse der DDR, einmal auch den aus der Innenstadt verlagerten „Rummel“. In den 1970ern entstand der „Zentrale Jugendklub“ . Auch das Gartenlokal mit seinem Pavillon wurde für den Gaststättenbetrieb genutzt.

Nach der Wende geschlossen

Nach der Wende wurde das „Haus der Jugend“ geschlossen und verfiel. Die wiedergegründete Schützengilde stellte Restitutionssprüche und bekam das Haus 1992 als Eigentum zurück. Da die Gilde ihren Schießstand in Weinhübel besaß, gab es freilich für das alte Haus keine Verwendung mehr. Es wurde1988 an die Berliner Aubis-Gruppe verkauft und wechselte nach deren finanziellen Problemen erneut seinen Besitzer.

Seit dem 1. Juni 2005 ist der „einer für alle e.V.“ Eigentümer des Gebäudes. Der Verein plant, es bald für Görlitzer Jugendliche wieder zu beleben. Während der große Saal für die offene Jugendarbeit vorgesehen ist, sollen in den beiden oberen Etagen Familienwohngemeinschaften einziehen.

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So wurde 1927 die Fassade umgestaltet, ein neues Portal gebaut und der Garteneingang gesetzt (Mitte). Im Haus der Jugend zu DDR-Zeiten war nicht nur der Saal Treffpunkt der Gäste, auch Bar (Bilder von 1966) und Klubräume überzeugten. Repros: Archiv Ralph Schermann (2), privat (1)

Sächsische Zeitung, 19. Mai 2006, S. 16