Von Drachenblut und Jugendhilfe

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Bildunterschrift: Viel zu tun für die jungen Görlitzer: Auch hier am und im Jugendklub hinter dem ehemaligen "Haus der Jugend" wartet jede Menge Arbeit.

Das Haus der Jugend hat einen neuen Besitzer. Der Verein „einer für alle“ will in dem traditionsreichen Domizil und dem Klub Jugendarbeit leisten.

Katja Pautz

Regina Schiller ist nicht die Erste, die kopfschüttelnd durch das Haus der Jugend läuft. Der neue Besitzer Markus Stäbler vom Verein „einer für alle“ (efa e.V.) begleitet sie. Viele Passanten hätten schon einen Blick riskiert, sagt er. Unter den Schuhsohlen knirschen Scherben, hinter jeder Ecke wartet ein neuer Schreck, mit jedem Schritt werden Erinnerungen wach – und zerstört, so wie der „Schuppen“, wie er im Volksmund genannt wird. Kaputte Geländer, gehobenes Parkett, eingeschmissene Fensterscheiben, Graffiti wo man hinschaut, ein zertrümmerter Kachelofen, leere aus nicht allzu ferner Vergangenheit, Sicherungen, Sprühdosen, Kinowerbung... Nichts lässt auf die Grenzzeiten schließen, in denen sich Menschentrauben vor dem Eingang bildeten, nur um eine Karte für die Disko zu ergattern.

Im Klub ist schon viel passiert

„Die Heizkörper wurden erst vor ungefähr sechs Monaten geklaut“, sagt Stäbler. Regina Schiller läuft zielstrebig durch die Gänge: „Hier war das Büro“, sagt sie. Gemeinsam mit ihrem Mann hat die heute 53-Jährige die beliebte Disko von 1984 bis 1992 betrieben. Seither war sie nicht mehr drin. Ihr Mann wollte nicht kommen. Sie weiß jetzt, dass das wohl besser so war. „Der Anblick ist erschütternd, und Schuld daran ist die Stadt, die hat sich nicht darum gekümmert.“

Doch da ist auch Licht in Sicht, denn im ehemaligem Büro wird gewerkelt. Eine Leiter steht am Fenster, die Wände warten auf Tapete, der Fußboden auf Belag und die Tür auf ein Schild. Jugendliche in Arbeitssachengehen ein und aus. „Ja, hier kommt wieder ein Büro rein“, sagt Stäbler. Zufall. Ansonsten sieht er für die kommenden drei, vier Jahre keine Möglichkeit, mehr aus diesem Gebäude zu machen. Zu sehr ist es verfallen. „Wir müssen es in erster Linie sichern, damit nicht noch mehr kaputtgeht.“ Die Tür soll in knalligem Gelb gestrichen werden, „damit die Leute sehen, dass hier wieder etwas passiert“, sagt Stäbler.

Schon mehr ist hinter dem Schuppen auf dem 23 000 Quadratmeter großen Gelände passiert. Dort steht der ehemalige Jugendklub, der wieder ein Treff für junge Menschen werden soll.

Trommeln Bier bestellt

Containerweise haben die Jugendlichen Dreck und Müll dort herausgetragen. Dort, wo der Elektrotechniker Peter Soppa seinen Polterabend gefeiert hat am 17. August 1983. „Und am 19. war Hochzeit. Mann, das waren Zeiten hier“, erinnert sich der 44-Jährige. Donnerstags, sonnabends und sonntags ging`s zur Disko, Musik wurde nach Quote gespielt. Im Saal haben sie immer am Fenster zum Garten, zur Sommerküche, heraus gesessen und „25 Trommeln“ getrunken. Es gab auch „Drachenblut“ zu trinken und die Mädels waren immer ganz aufgeregt, wenn die Armeeleute von der Offizierschule Löbau herkamen. Für Soppa ist es erschreckend, wie es im Schuppen aussieht. Gleichzeitig freut er sich über seine Erinnerungen und ist begeistert, dass sich jemand des Hauses angenommen hat. Deshalb hilft er mit, wo er kann, sagt er.

Wie viel der Verein für das Gelände bezahlt hat, will Markus Stäbler lieber nicht verraten. Nur so viel: „Nachdem wir es hatten haben wir nur noch gebetet und eigentlich auch schon zuvor.“ Es seien Sponsoren gekommen, die mitmachten. „Ohne deren Hilfe hätten wir es nicht geschafft und auf sie und andere, die uns unterstützen, sind wir auch weiter angewiesen“.

Markus Stäbler engagiert sich mit seiner Familie und im christlichen Verein „efa“ schon lange für Jugendliche. Der 16-jährige Alex lebt derzeit bei ihm. Eine Perspektive will Stäbler bieten, auch als Christ. Doch seinen Glauben drängt er niemanden auf.

Bislang hilft er auf der Moltke-Straße. „Etwa 50 bis 70 Jugendliche sind durchschnittlich in der Woche bei uns.“ Viele seien ziemlich kaputt, schwierig, hätten kein gescheites Elternhaus und seien dankbar für jeden, der sie ohne Vorurteile akzeptiert und ihnen eine Chance gibt.

Abenteuerliches Gelände

Das Objekt auf der Zittauer Straße soll nun auf lange Sicht ein Domizil werden. Es eigne sich besonders wegen der Außenanlagen. „Das ist richtig abenteuerlich, viel Platz zum Fußball spielen.“

Leisten will der Verein auf diesem Gelände Offene Jugendarbeit. In Wohngemeinschaften soll Jugendlichen geholfen werden, ein eigenständiges Leben zu führen. Verschiedene Beschäftigungen zum Beispiel in einer Jugendwerkstatt gehören dazu. Der Verein ist Träger der freien Jugendhilfe.

Fehlt auch noch das Geld, die Vorstellung, was auf dem Gelände werden soll, sind schon konkret. Der ehemalige große Tanzsaal des Haupthauses soll ein Mehrzweckraum werden, zum Beispiel mit einem Volleyballfeld. In den oberen beiden Etagen sind Wohnräume für zwei Familienwohngemeinschaften geplant. Irgendwann.

„Wie viele Stunden haben wir hier verbracht“, sagt Regina Schiller und blickt in die dunkle Leere des großen Tanzsaals. Jugendweihen, Schulanfänge, Betriebsfeiern. Sogar Egon Krenz war mal hier. Von den Puhdys zeugt noch ein Plakat. „Mut habt ihr!“, sagt sie. Das hat Stäbler schon von vielen gehört.

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Links: Verblichene Ostalgie: An der Bar hängen nur noch die Fetzen einstiger Highlights.

Mitte: Polterabend im Jugendklub 1983: Der Görlitzer Peter Soppa feierte mit Familie und Freunden hier.

Rechts: Peter Soppa auf den einzigen Relikten alter "Haus der Jugend"-Tage, die noch erhalten sind.

Über "einer für alle e.V."

  • Start: im Oktober 2000 gegründet
  • Aufgabe: 21 Leute wollen jungen Menschen in Görlitz eine Perspektive bieten.
  • Träger: anerkannter Träger der freien Jugendhilfe nach § 75 SGB VIII.
  • Basis: der Arbeit ist der christliche Glaube.
  • Arbeit: Unterstützung hilfsbedürftiger Jugendlicher und junger Erwachsener; Verbreitung der Bibel und christlicher Literatur.
  • Veranstaltungen: Sport (Volleyball und Fußball im 14tägigem Wechsel, regelmäßig zwischen 20 und 35 Teilnehmern); Bibelkurs für Jugendliche und junge Erwachsene, Kindertreff für Kinder von 1-10 Jahren, Teeny- und Jugendtreff, Gitarrenkurs
  • Kontakt: einer für alle e.v., James-von-Moltke- Str. 24, 03581/41 38 41, www.efa-goerlitz.de

Sächsische Zeitung, 12. Juli 2005, S. 12