Zitterfinale

Bild

Bildunterschrift: Michel (links) kann sich bald entspannen. Vom Hauptschulabschluss trennt ihn nur noch die mündliche Prüfung. Lehmi (rechts) hat vor einem Jahr gekniffen, sieht jetzt aber ziemlich klar. Er will bei der Bundeswehr eine Ausbildung machen. Die kleinen Bilder zeigen sie 2011.

Vor einem Jahr besuchte die SZ drei junge Menschen auf dem Lebenshof Görlitz. Michel, Lehmi und Sandra wollten ihren Hauptschulabschluss nachholen. Einer ist fast am Ziel. Von Frank Seibel

Am Ende wurde er doch nervös. Zur Prüfung musste sie aus dem Nest, in eine andere Schule, zu anderen Lehrern. „Wie wussten ja, dass unsere Lehrer es gut meinen mit uns“,sagt Michel. Ein Jahr lang hat er mit insgesamt 12 anderen jungen Menschen aus dem „Lebenshof“ im Görlitzer Ortsteil Ludwigsdorf an seiner Chance gearbeitet. Hauptschulabschluss - nachgeholt nach einer Jugend aus Abwegen. 18, 20 Jahre sind die meisten - Michel sogar 23.

Sie sind die ersten, die auf dem früheren Bauernhof die sogenannte Produktionsschule besuchen konnten. Praktische Arbeit uns schulische Grundausbildung für junge Menschen, die jahrelang mit Lernen nichts am Hut hatten und aus unterschiedlichsten Gründen immer wieder vom Weg abgekommen waren. Bei Michel lag es an den vielen Umzügen quer durchs Land, bevor die Eltern nach Amerika auswanderten und die Kinder sitzen ließen. Michel kam mit seiner Schwester bei einem Onkel unter, aber seine Schullaufbahn war zersägt und er völlig halt- und ziellos. Die Abendschule stand er auch nicht durch, weil er abends lernen sollte, während seine Altersgenossen frei hatten. Aber Michel hat das Leben nie aus dem Blick verloren. Ein Leben, das er selbst gestalten kann, in dem er sich nützlich machen und Geld verdienen kann. Ein Leben das Spaß macht und voller Überraschungen steckt.

Er lernte gut Mathe, Deutsch und Geografie, er lernte Töpfern, Kochen, Mauern und Tischlern. Die letzte Chance, Michel hat schon vor einem Jahr darüber gesprochen. Michel ist selbstbewusst und optimistisch. Aber dann war es wie vor einem Fußballspiel, das man gewinnen muss. Jetzt nur die Nerven behalten!

Drei Wochen später kann Michel ziemlich entspannt sein. Nur Zweien und eine Drei in den schriftlichen Prüfungen. Wirklich schief gehen kann eigentlich nichts mehr. „Es war schwerer als ich dachte“, sagte er. Es ist eben doch ein Unterschied, ob man neun Jahre am Stück lernt und dann abschließt, oder ob man nach etlichen Jahren neu startet. Vier der 13 Schüler im ersten Jahrgang der Produktionsschule haben die Prüfung schon nach dem ersten Jahr gewagt. Drei kommen klar durch - aber einer muss zittern. Er hat die Deutsch-Prüfung völlig verhauen. „Er ist ziemlich niedergeschlagen“, sagt Michel. Auf dem Lebenshof wünscht niemand dem anderen etwas Schlechtes. Auch „Lehmi“ wird mit offenen Armen begrüßt. Vor einem Jahr war er ein großer Junge, jetzt ist er 17 und ein junger Mann. Reifer, wirkt er und stabiler, als er nach langer Zeit auf den Lebenshof kommt, um Unterlagen für seine Bewerbung zu holen. Lehmi war nur ein paar Wochen in der Produktionsschule. Immer und immer wieder hat er verschlafen, kam auch mal gar nicht. Es gab ernste Gespräche über Spielregeln - und Lehmi ist ausgewichen. Er ist bei einem anderen christlichen Sozialverein untergekommen, der „ Einer für alle“ heißt. Auch dieser Verein nimmt Jugendliche auf, die den geraden Weg durchs Leben nicht finden. „ Das war schon besser, was das Aufstehen betrifft.“ Anders als zum Lebenshof musste Lehmi hier nicht morgens einen der selten fahrenden Busse erwischen. Hier konnte er hinlaufen. Zu tun gab es meistens etwas: Mithelfen beim Entrümpeln und Renovieren des alten Tanzlokals, das zu DDR-Zeiten jeder als „Haus der Jugend“ kannte; Möbel schleppen bei Umzügen, Gartenarbeit auf dem riesigen Gelände. Aber einen Schulabschluss kann man dort nicht machen. Vor einem Jahr klang alles ziemlich nach „egal“. Mit 16 ist der Ernst des Lebens noch eine schemenhafte Erscheinung am Horizont. Aber jetzt sagt Lehmi, dass es besser gewesen wäre, ein Jahr lang früher aufzustehen und auf dem Lebenshof zu lernen. Jetzt sieht er den Ernst des Lebens schon klarer. Söldner wollte der Junge mit Vorliebe fürs Militärische vor einem Jahr noch werden - Hauptsache Abenteuer und nichts lernen. Jetzt bewirbt er sich bei der Bundeswehr, will immer noch Abenteuer, aber er will dort auch eine Ausbildung machen. Dieser Tage hatte er sein erstes Gespräch bei der Bundeswehr-Kontaktstelle in Bautzen. Zeitsoldat für viele Jahre will er werden, „dafür brauche ich keinen Schulabschluss“. Lehmi hat sich im Internet informiert. Vor einem Jahr war alles noch diffus und wolkig - jetzt sieht er den Weg, weiß, dass er nun durchstarten muss. „Wenn es mit der Bundeswehr nicht klappt, melde ich mich bei der Abendschule an.“ Lehmi will nun lernen, nur nicht zu früh am Morgen; dafür sind Computer und Fernsehen zu faszinierend, bis tief in die Nacht hinein. Aber Lehmi hat jetzt mehr Respekt vor dem Leben. Er will es nicht wegwerfen.

Sandra in der Sorgenfalle

Das will auch Sandra nicht, die Dritte die die SZ vor einem Jahr besuchte. Vor einem halben Jahr war sie noch dabei, kämpfte sich durch den Schultag, wirkte immer etwas müde, traurig, genervt. Privat ist immer wieder Chaos, vor allem mit der Liebe. Dabei war sie doch schon einmal auf einem guten Weg, hatte einen Ausbildungsplatz als Hauswirtschaftlerin in Zittau. Bis zu dem Unfall, bei dem sie verletzt wurde und der sie aus der bahn warf. Die Leute vom Lebenshof wissen auch nicht so recht, wie es mit Sandra weitergeht. Jetzt war sie schon eine ganze Weile nicht mehr da. „Ich hoffe, dass sie wieder anfängt und weitemacht“, sagt Andreas Nedo, der Leiter der Produktionsschule. Fallengelassen hat der Lebenshof noch niemanden.

Bild

Sandra kämpft nach Ende des Jahres noch mit Sorgen.

SZ, 26. Juni 2012, S. 12.